Wüste Texte vs. strukturierte Dokumente in der Juristerei

Ich bin großer Fan davon, dass Leute, die etwas produzieren oder eine Dienstleistung erbringen, eine grobe Ahnung davon haben, wie ihr Werkzeug funktioniert. Wenn Sie Frisör sind, dann finde ich es gut, wenn Sie wissen, wie die Schere zu halten ist. Wenn Sie Bauarbeiterin sind, meine ich, ist es eine gute Idee, wenn Sie verstehen, wie Sie mit der Mörtelkelle umzugehen haben. Als Zahnarzt können Sie vermutlich den Bohrer bedienen. Falls nicht: probieren Sie mal den Fußschalter aus!

Nur Anwälte, die können, von Ausnahmen abgesehen, mit MS Word nicht umgehen. Und bevor Sie laut schimpfen: Nein, Libre Office ist sympathisch aber nicht dasselbe, und nein, auch das beherrschen Anwälte nicht gut. Besser noch: was der Anwalt nicht kann, das schafft das Backoffice dann auch nicht.

Gestatten Sie mir folgende kleine Anekdote:

In einem etwas komplexen Meeting verhandelten wir einen Vertrag. Der Entwurf, auf Papier vorliegend, hatte 43 Paragrafen mit verschiedenen Querverweisen innerhalb des Dokumentes („§ 3 Abs. 2 bleibt unberührt“).

Kurz vor Mittag war man endlich der Einigung nahe und verständigte sich auf ein paar Anpassungen im Term Sheet und einige redaktionelle Änderungen im Text. Letztere bestanden u.A. daraus, dass § 3 in zwei Paragrafen unterteilt werden sollte. Alle nachfolgenden Paragrafen verschoben sich also um „eins nach hinten“, und damit auch alle Querverweise im Dokument.

Nach dieser Übereinkunft beschlossen alle, eine Stunde zum Italiener zu gehen, nachfolgend wieder in die Kanzlei zu kommen, fix den dann hoffentlich vorliegenden fertigen Text zu unterzeichnen und dann in alle Himmelsrichtunten strategisch auszuschwärmen, um den Rest des Tages zu bestreiten: Zeit ist Geld, und beides ist knapp.

Da ich die Protokollhoheit hatte, begab ich mich mit dem handschriftlich schon vorgeänderten Text in unser Backoffice und bat darum, die Änderungen einzubauen, den Kram 15-mal auszudrucken, zu heften und dann einfach ins Besprechungszimmer zu legen. In einer guten Stunde wären wir dann wieder da.

Daraufhin wurde mir beschieden, dass das nicht möglich sei. Allein das Ändern der Nummerierung und aller Verweise würde sicher länger als eine Stunde dauern, es müsse ja alles stimmen und der Text sei 17 Seiten lang. Und da schwante mir: die Überschriften, die Verweise, die Nummerierungen und vermutlich sogar die Aufzählungen im Dokument, die waren alle „handcodiert“.

Nochmal: handcodiert.

Jedes Textverarbeitungsprogramm der letzten 25 Jahre hat eine Überschriftenverwaltung, automatische Aufzählungen (die mit Vorsicht zu genießen sind, dazu gesondert mehr) und automatische Querverweise im Dokument, die sich bei Änderungen der Dokumentenstruktur selbst updaten. Aus den Überschriften kann man ein Inhaltsverzeichnis erstellen und allgemein kann man knorke Dinge mit einem strukturierten Dokument anstellen. Besser noch: wenn man sich, z.B. in der Kanzlei, auf eine Dokumentenstruktur einigt, kann man Vertragsklauseln aus einem Dokument in ein anderes einfügen, alle Überschriften updaten sich automatisch und … naja, das war’s schon. Fertig.

Stattdessen standen wir damals vor einem toten Dokument. Einer wüsten Wüste voller wüster Buchtstaben. Und vor uns lag ein freudloses, stupides, fehleranfälliges Arbeiten.

Möglicherweise denken Sie jetzt, dass ich Trivialitäten zum Besten gebe, maßlos übertreibe und das doch alles klar und selbstverständlich sei. Aber da irren Sie sich. Ich erhalte regelmäßig Verträge, die ich lesen und prüfen soll, und ich sammele auch gern Klauseln und Templates. Zwar habe ich zugegeben jetzt keine verlässliche Statistik an der Hand, aber sicher jenseits von 70% all dieser Dokumente sind völlig unstrukturiert, bei weiteren 20% sind immerhin Versuche unternommen wurden, den Ball in die richtige Richtung zu werfen, und nur die restlichen 10% der Dokumente lassen eine geübte Hand erkennen.

Das ist nicht viel und das ist nicht gut. Wir reden einerseits von der maschinengestützten semantischen Analyse juristischer Dokumente und hoffen, dass Legal Tech uns bald Verträge per Sprachbefehl zusammenbaut, produzieren aber andererseits unlesbare (für Mensch und Maschine) Haufen unstrukturierter Daten. Das ist unprofessionell, fehleranfällig, und kostet Mandanten viel Geld, weil wir Juristen viel Zeit für redaktionelle Arbeiten aufwenden, die überflüssig ist.

So wird das nichts.

3 Gedanken zu „Wüste Texte vs. strukturierte Dokumente in der Juristerei“

  1. Lieber Arne, selbst renommierte IT – Firmen beherrschen dieses Handwerk automatischer Verweise in Word oft nicht (oder es ist ihnen schlichtweg egal). Selbst Überschriften und Absatznummerierung werden teilweise händisch angefertigt. Nochmal: renommierte IT – Firmen! Ich wünsche ein schönes Wochenende, beste Grüße, Max

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    1. Ich würde gern etwas schlaues schreiben, aber es fällt mir wenig ein. In gewisser Weise profitieren wir ja sogar davon, weil so einfach „mehr Stunden“ anfallen. Aber eben mit unbefriedigender Arbeit. Ich sehe nicht, dass es anwaltliche Aufgabe sein sollte, Dokumente von Hand zu en-formatieren und dann redaktionell auf „damit kann man arbeiten“ zu trimmen. Aber was sag‘ ich. Und wem.

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